Caritas-Mitarbeiter Jascha Frenz (li.) sammelte die Fragen des Publikums, die auch anonym über eine App gestellt werden konnten.Foto: V. Klum
Am 11. September wird bundesweit der "Tag der Wohnungslosen" begangen - ein Anlass, der auch in Limburg große Resonanz fand. Der Fachdienst für Wohnungslosenhilfe des Caritasver-bands hatte dazu eingeladen, über Wohnungs- und Obdachlosigkeit aufzuklären und das Be-wusstsein für dieses drängende soziale Problem zu schärfen. Etwa 100 Gäste nahmen an dem Erfahrungsforum im Kalkwerk teil, bei dem sich Profis und Betroffene mit einem interessierten Publikum austauschten. Der Abend voller eindrücklicher Berichte war möglich durch die Unter-stützung des Förderkreises Obdachlosenhilfe Limburg e.V.
Caritas-Geschäftsführer Max Prümm eröffnete die Veranstaltung und beklagte die Zuspitzung der Wohnungsnot. Hier müsse die Politik gegensteuern, auch durch eine Deregulierung der ho-hen Baustandards, die es unmöglich machten, Wohnungen mit moderaten Mieten zu bauen.
„Niemand muss in Deutschland obdachlos sein – die Praxis sieht anders aus“. Marius Schäfer Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. gab einen faktenbasierten Einblick.Foto: V.Klum
Bei seinen Impulsvortrag stellte Sozialarbeiter Marius Schäfer die Frage: "Woran erkennt man einen Wohnungslosen?" Entgegen gängigen Vorurteilen sehen viele Betroffene "ganz normal" aus - sie versuchen, möglichst nicht aufzufallen. Der Grund: Nur vier Prozent der Bevölkerung haben direkten Kontakt zu Obdachlosen. Die meisten Menschen formen ihre Vorstellungen aus medialen Darstellungen. Schäfer berichtete, dass es oft schwierig sei, das wahre Ausmaß der Wohnungslosigkeit zu erfassen und valide Zahlen zu ermitteln. Besonders die sogenannte "ver-deckte Wohnungslosigkeit", also wenn Menschen bei Freunden oder in schwierigen Zweckbe-ziehungen Unterschlupf finden, bleibt oft unsichtbar. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Woh-nungslosenhilfe waren 2022 über eine halbe Million Menschen in Deutschland wohnungslos - und die Zahlen steigen.
Marius Schnelker (re.) führte einfühlsam durch das Gespräch mit Nele Wilk (Mitte) und Dominik Bloh (li.).Foto: V.Klum
Zu den Gästen des Abends zählten der Autor Dominik Bloh und Sozialarbeiterin Nele Wilk, die von ihrer Arbeit beim Verein "Armut und Gesundheit in Deutschland e.V." berichtete. Bloh kennt das Leben auf der Straße aus eigener Erfahrung: Mit 16 Jahren war er plötzlich obdachlos. Von seiner Mutter vor die Tür gesetzt, verbrachte er insgesamt elf Jahre auf der Straße. Trotz der Härten des Alltags versuchte er, weiterhin zur Schule zu gehen. Doch der Überlebenskampf prägte jeden Tag, es gab kaum Möglichkeiten, die Kleidung zu waschen oder erholsamen Schlaf zu finden. Manchmal konnte er auch bei Freunden unterschlüpfen, aber nach ein paar Wochen spürte er, dass er zur Last fällt. Doch Vorwürfe macht er ihnen im Nachhinein nicht, er beklagt vielmehr strukturelle Probleme: Als Jugendlicher wurde von einer Stelle zur anderen herumgereicht, aber keine fühlte sich zuständig für ihn. "Das Hilfesystem muss engmaschiger werden. Bist du obdachlos, bist du außerhalb des Systems", kritisierte er.
Die Sozialarbeiterin Nele Wilk begleitet wohnungslose Menschen häufig zu Ämtern und Behörden.Foto: V.Klum
Auch Nele Wilk sieht dringenden Handlungsbedarf auf struktureller Ebene. "Viele unserer Klien-ten erleben Diskriminierung bei Behörden und erhalten nicht die Unterstützung, die ihnen zu-steht", berichtete sie. Ein weiteres drängendes Problem sei die medizinische Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Diese seien oft auf ehrenamtliche Ärzte angewiesen.
Bloh war während seiner Zeit auf der Straße zwar krankenversichert, konnte jedoch keine Bei-träge zahlen - die Schulden wuchsen. Als er den Sprung aus der Obdachlosigkeit geschafft hat-te, erhielt er sofort Mahnschreiben der Krankenkasse. "Es braucht einen Schuldenschnitt für Menschen in solchen Lebenslagen", forderte Nele Wilk. Andernfalls würde das viele Betroffene davon abhalten, in das vorhandene Gesundheits- und Sozialleistungssystem zurückzukehren.
Dominik Bloh kennt das Leben auf der Straße aus eigener Erfahrung.Foto: V.Klum
Dominik Bloh hat den Weg aus der Obdachlosigkeit gefunden - auch dank seiner Leidenschaft fürs Schreiben. Schon auf der Straße hielt er seine Erlebnisse auf Papier fest. Daraus entstand schließlich das Buch "Palmen aus Stahl", das zum Spiegel-Bestseller wurde. Zudem rief er das Projekt "GoBanyo - ein Duschbus für Obdachlose" ins Leben, für das er 2022 mit dem Bundes-verdienstkreuz ausgezeichnet wurde. "Waschen ist Würde", so Bloh. "Erst wenn man sich wohl in seiner Haut fühlt, kann man den nächsten Schritt machen." Ein starkes Zeichen für Solidarität und Mitmenschlichkeit.